iPhone Xs Beauty-Gate: Darum sehen Selfies zu gut aus, um wahr zu sein

Wer dieser Tage auf dem iPhone Xs ein Selfie aufnimmt, könnte den Eindruck gewinnen, dass es ein wenig anders aussieht als andere Selfies, vor allem im Vergleich zu früheren iPhones. Mittlerweile wissen wir, dass die Kameras sich grundsätzlich von denen des iPhones X unterscheiden. Doch einige Nutzer haben sich im Netz über einen regelrechten Beauty-Effekt beklagt, den das iPhone Xs auf die Selfies lege, der Unregelmäßigkeiten einfach glattbügelt. Wir zeigen auf, woher dieser unerwünschte Beauty-Effekt kommt.

Die Kamera sieht die Dinge anders als deine Augen

Wenn du Fotos von einer kontrastreichen Szenerie aufnimmst, ist es für den Kamerasensor schwer, all die Details in den hellen und dunklen Bereichen gleichermaßen zu erfassen. Denk dabei nur an ein Foto vom Innenraum, das unter andrem den Blick aus dem Fenster zeigt. Das Licht von draußen strömt herein. Die meisten Kameras können meist nur eine Lichtquelle verwerten und blenden eine der beiden aus. Das bedeutet, entweder wird nur das Licht im Innenraum berücksichtig oder eben das Licht, das von außen durch das Fenster kommt. Bei letzterer Option würde der Innenraum auf dem Foto sehr dunkel und unbelichtet wirken.

Eine Lösung wäre die HDR-Aufnahme (High Dynamic Range). HDR mischt mehrere Beleuchtungsszenarien zu einem. Das hilft, den Bildern eine größere Detailspanne zu verleihen. So bleiben die Details in Schatten und Licht ausgeglichen. Ohne HDR kann es passieren, dass Smartphone-Kameras Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen bekommen. So entstehen schwammige, dunkle Bereiche und viel zu helle, beleuchtete Abschnitte.

Warum HDR anders aussieht

Viele Fotografen haben HDR-Techniken genutzt, um möglichst realitätsgetreue Bilder zu erstellen, wenn nicht sogar „hyperreal“. Mit den richtigen Einstellungen können die Fotos am oberen Ende der Skala aussehen wie Illustrationen oder Airbrush-Versionen der Realität. Apple hat hier eine ganz eigene HDR-Version geschaffen und im iPhone Xs sowie im Xs Max eingesetzt. Das sogenannte Smart HDR ist in der Werkseinstellungen standardmäßig aktiviert, sowohl für die Haupt- als auch für die Selfiekamera. Wenn du es deaktivieren möchtest, wähle in den Einstellungen unter „Kamera“ einfach den entsprechenden Regler aus.

Wenn du mit dem iPhone Xs oder Xs Max ein Foto aufnimmst, kommt der A12 Bionic Chip ins Spiel. Er nimmt das Bild gleich mehrere Male auf, immer mit unterschiedlicher Belichtung, um in jedem Helligkeitswert möglichst viele Details zu erwischen. Anschließend werden alle Bilder analysiert. Der Chip erarbeitet nun, welche Bereiche die meisten Details mitbringen und setzt sie zu einem ganzen Bild zusammen.

Mit Smart HDR erzeugt das iPhone Xs ein gemischtes Bild. Doch auch ohne Smart HDR würde noch immer der Prozessor einspringen und versuchen, das Bild zu optimieren. Die Aufnahme verschiedener Belichtungen und Kombination der „Ebenen“ ist übrigens nicht Apple-exklusiv. Die Google Pixel Modelle und die Samsung Galaxy Smartphones nutzen diese Technik für ihren eigenen HDR-Modus ebenfalls.

Woher aber kommt nun dieser Weichmacher-Effekt?

Du wirst sicher denken, dass ein HDR-Bild nach Airbrush aussieht, erst recht, wenn man es mit einem normalen Foto vergleicht. Das liegt einerseits daran, dass die ganz hellen Highlights im Bild deutlich reduziert werden. So sind die verschiedenen Helligkeitswerte ausgeglichener. Noch viel wichtiger ist aber der folgende Punkt: Wenn du ein HDR-Foto aufnimmst, werden mindestens drei Bilder gleichzeitig aufgenommen. Allerdings hast du immer minimale Bewegung in der Kamerahand und in deinem Gesicht. Wenn du also nicht unmenschlich still halten oder dein Motiv bitten kannst, ihren Gesichtsausdruck exakt zu halten (mach das mal mit einem Kind), ergibt sich ganz automatisch immer ein gewisses Wackeln. Um das zu umgehen, muss die Kamera mit einer Verschlusszeit einer hundertstel Sekunde arbeiten.

Um aber ein gutes Bild zu erhalten und das auch noch mit einer unglaublich kurzen Verschlusszeit, vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen, muss die Kamera ihre Lichtempfindlichkeit bis zum Anschlag ausreizen. Das erzeugt wiederum das unbeliebte Rauschen im Bild. Viele Smartphone-Kameras arbeiten mit aktiver Rauschunterdrückung und glätten somit das körnig erscheinende Bild. Der Preis dafür sind Bilder, die ein wenig weich gezeichnet wirken.

So verhält es sich auch beim iPhone Xs. Bei sehr gutem Licht aufgenommen, korrigiert das iPhone bei Selfies nur sehr wenig mögliches Rauschen. Je schlechter die Lichtverhältnisse nun werden, desto mehr versucht die künstliche Intelligenz, das vermeintliche Rauschen auszugleichen. So entstehen Selfies, die so aussehen, als seist du in einen Topf voll Mascara gefallen. Dieses Phänomen tritt übrigens nicht nur bei Gesichtern auf, sondern bei allen Motiven, die euch vor die Linse kommen. Die dunklen Bereiche sind weniger dunkel und die sehr hellen Bereiche werden weniger hell. Dadurch kann man den Eindruck gewinnen, durch den geringeren Kontrast seien die Bilder auch weniger scharf.

Und wie werde ich den Beauty-Effekt los?

Zum einen könnte Apple ein Software-Update herausbringen, das unterschiedliche Intensitätsstufen von Smart HDR mitbringt. So könntet ihr selbst entscheiden, wie stark iOS in eure Fotos eingreifen soll. Smart HDR einfach abzuschalten, wird bei der Hauptkamera einen deutlich größeren Unterschied ausmachen als bei der Selfiekamera. Wie bereits erwähnt, ist die Kamera des iPhone Xs ein wenig anders konstruiert als die Kameras älterer Modelle. Die Bilder werden also in jedem Fall ein wenig anders aussehen, auch ohne Smart HDR.

Habt ihr ein Problem mit dem unabsichtlichen „Beauty-Effekt“ beim iPhone Xs? Oder stört es euch gar nicht und ihr findet die weicheren Fotos sogar besser? Wir sind gespannt auf eure Meinung.

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