Selbstversuch: 7 Tage ohne „Smartphone“

7 Tage ohne Smartphone - ein Selbstversuch

Am 08.03.2017 ist es so weit: Ich starte einen Selbstversuch und entscheide mich dafür, mein Handy nur noch für Notfälle bei mir zu tragen. Keine mobilen Daten, kein WLAN. Und damit unterwegs keine sozialen Netzwerke oder Instantmessenger mehr. Für eine Woche. Und hier seht ihr das Ergebnis.

Der Versuch

Ständig hören wir, wie sehr wir auf unser Smartphone angewiesen sind. Dass es unser alltäglicher Begleiter ist und dass wir nur am Display hängen. Deshalb habe ich für mich entschieden, selbst zu testen, wie sehr das Smartphone meinen Alltag beeinflusst – und werde für eine Woche auf das Gerät verzichten. Zumindest mit Einschränkungen. Genau genommen werde ich mich einige Jahre in der Zeit zurückversetzen, als wir alle noch keine Smartphones, sondern nur handelsübliche Handys hatten. Das heißt:

  • Kein mobiles Internet oder WLAN
  • Keine sozialen Netzwerke oder Instantmessenger
  • Keine heruntergeladenen Games, Bahn-Apps oder andere „nützliche“ Anwendungen

Das bedeutet im Umkehrschluss: Ich habe mein Handy für Notfälle bei mir. Und um auf die Uhr zu schauen. Gleichzeitig werde ich versuchen, die Kommunikation mit Telefon und SMS auf ein Minimum zu reduzieren. Meine Gedanken werde ich täglich notieren und hier posten. Mal sehen, was dabei herauskommt.

 

Tag 1: Guter Dinge ans Werk

Anfangsmotivation: Top!

Die ganze Chose geht ja bereits damit los, dass ich allen wichtigen Kontakten Bescheid geben muss, dass ich eine Woche nur bedingt erreichbar bin. Allein daran wird schon deutlich, wie sehr wir und alle um uns herum es gewohnt sind, uns übers Smartphone und WhatsApp beziehungsweise Facebook jederzeit erreichen zu können. Morgens schalte ich also meine mobilen Daten und das WLAN offiziell aus. Das Gefühl? Eigentlich ganz gut. Meine zweite Entscheidung ist, nach Monaten mein Handy endlich wieder auf laut zu stellen. Damit ich Notfallanrufe und SMS direkt sehe. Vorher habe ich mir angewöhnt, mein Handy ständig lautlos zu lassen wegen laufender Benachrichtigungen von sozialen Netzwerken, Apps und Co.

Erste Dämpfer

Die erste Einschränkung folgt schon eine halbe Stunde nach dem Aufstehen. Ich bin es gewohnt, per Spotify Musik zu hören, um anständig in die Gänge zu kommen. Spotify? Pustekuchen! Also keine Musik für mich. Ob es daran liegt, dass ich mich abhetzen muss und später aus dem Haus komme als geplant? Jedenfalls bin ich an diesem Punkt schon froh, dass ich mich dazu entschieden habe, mein Handy wenigstens als Uhr weiter zu nutzen. Hätte ich das nicht getan, wäre ich nun wohl aufgeschmissen: Denn wie ich feststellen muss, ist bei all meinen Armbanduhren die Batterie leer. Auf der Arbeit angekommen, geht es dann weiter. In der Regel habe ich meiner Freundin, mit der ich zusammen wohne, immer geschrieben, dass ich gut angekommen bin. An diesem Tag muss sie auf ihre WhatsApp-Nachricht verzichten.

Aus der Gewohnheit gerissen

Im Laufe des Tages fällt mir in erster Linie eines auf: Ständig greife ich zum Handy oder schaue darauf, nur um festzustellen, dass ich keine Nachrichten bekommen habe. In meinen Augen war ich nie der Mensch, der laufend am Smartphone hing. Dachte ich. Bei anderen schien es immer viel schlimmer zu sein. Oder auch nicht. Es ist erschreckend, wie oft ich dennoch das Bedürfnis habe, meine sozialen Netzwerke zu checken. Was mir auffällt: Wenn ich am Computer sitze, schaue ich viel häufiger in meine E-Mails, als ob ich die fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten ausgleichen müsste. Kurios! Um dem entgegen zu wirken, schließe ich nun einfach den Tab zu meinem Mail-Postfach.

Völlig aufgeschmissen?

Später fahre ich zu meiner Universität und bin bis dato noch zuversichtlich. Es ist zwar ungewohnt, so ganz ohne WhatsApp, aber durchaus auszuhalten. Und dann stehe ich vor meinem Seminarraum und muss feststellen, dass außer mir niemand dort ist. Im Normalfall hätte ich in diesem Augenblick gecheckt, ob wir eine E-Mail von unserem Dozenten bekommen haben. Oder eine Nachricht, dass der Raum umgelegt wurde. Normalerweise, aber nicht heute. Denn mein mobiles Internet ist tot. Kurz überlege ich ernsthaft, ob ich es nicht doch wieder einschalten möchte. Dann aber tauchen einige Kommilitonen auf und ich bin gerettet. Am Abend besänftige ich mein Bedürfnis nach Kontakt zur Außenwelt mit Facebook am PC. Nur, um die Tabs offen zu haben und doch nicht durchzuscrollen. Die eine oder andere Nachricht schreibe ich, entscheide mich dann aber dafür, auch hierauf zu verzichten, und schalte den PC aus.

Fazit des Tages: Zwei SMS bezüglich Einkäufen mit meiner Freundin. Keine Telefonate.

Tag 2: Wenn Telefonieren wieder interessant wird

Tag 2 ohne Smartphone, obwohl es da ist
Da liegt es, mein Handy. Ungenutzt.

Schwerer Start in den Tag

Als ich morgens aufwache, bin ich ziemlich gerädert. Vermutlich hat der Wecker mich heute aus dem Tiefschlaf gerissen. Normalerweise lese ich in diesem Fall noch ein paar Minuten Nachrichten oder scrolle durch Twitter, um halbwegs wach zu werden. Nicht heute. Und Musik habe ich natürlich auch wieder nicht. Memo an mich: Badezimmerradio anschaffen! Trotzdem bin ich noch ganz gut gelaunt. Und meine erste Amtshandlung heute Morgen ist eine kurze SMS an meinen Vater, mit Glückwünschen zu seinem Geburtstag und dem Hinweis, dass ich ihn abends anrufen würde. Ein Gutes hat diese Woche: Meine SMS-Flat hat jetzt auch endlich mal Nutzen.

Aus der Versenkung

Der Tag hat noch nicht richtig angefangen und ich verpasse einen Anruf meiner Mutter. Mist! Und schon wieder ist mein Handy lautlos, weil ich nach meinem Kurs gestern vergessen habe, das wieder zu ändern. Ungewohnt. Ich bin verwirrt – meine Mutter ruft eher selten an. Ach ja, WhatsApp-Nachrichten kann ich ja nicht lesen. Also schön: Ich rufe sie zurück. Seit langem werde ich nicht mehr so viel an einem Tag telefoniert haben; habe ich so im Gefühl. Dafür wird mir schon morgens berichtet, was ich auf Twitter alles verpasst habe. Und stelle fest: Wenig, was mich tatsächlich tangiert. Was mich aber stört: Ich nutze Twitter selbst in erster Linie, um mich über Dinge auszulassen, die mich besonders ärgern oder freuen. Dieses Ventil fällt weg. Bislang habe ich aber nicht das Gefühl, mich stattdessen eher verbal zu artikulieren. Vielleicht kommt das noch.

Wenn Antworten ausbleiben

Inzwischen warte ich seit einigen Stunden und habe noch immer keine Reaktion auf meine versendete SMS bekommen. Meine Vermutung: Menschen scheuen sich davor, auf Kurznachrichten zu antworten. Immerhin hat nicht jeder eine SMS-Flat. Ich bin verwundert, hat mein Vater doch bisher immer auf WhatsApp-Nachrichten reagiert. Ob meine Theorie stimmt, werde ich eventuell innerhalb der nächsten Tage herausfinden – wobei ich nicht vorhabe, mehr SMS als nötig zu verschicken. P.s.: Ich schaue noch immer ständig auf mein Smartphone und vergesse, dass sich nichts getan haben wird. Ich bin gespannt, wie lange ich noch mit Nachrichten von tumblr, Facebook, Twitter und Co. rechne.

Erstes Fluchen

Am Nachmittag fahre ich in die Stadt, da ich noch einige Besorgungen machen muss. Unter anderem auch für kreative Arbeiten. Und dann stehe ich da in diesem Laden und weiß nicht mehr, was mir noch alles fehlt. Normalerweise hätte ich den Kram nachgeschlagen und ganz einfach bei Google fix nach einer Vorlage geschaut. Ich ertappe mich das erste Mal dabei, dass ich wirklich genervt von dem Test bin. Und das schon an Tag 2. Die restliche Woche kann nur toll werden. Die Quintessenz: Ich muss meiner Freundin schreiben und sie darum bitten, das mal eben für mich nachzusehen. (Es ging um Farbtöne. Jetzt stelle man sich bitte vor, wie sie versucht, mir einen Blauton zu erklären.)

Fazit des Tages: Sechs SMS, zwei Telefonate und erstes Zähneknirschen. Langsam häuft sich das Ganze.

 

3. Tag: Wer kann, der kann… manchmal.

Ich bin gut…

Am dritten Tag geht es für mich in ein anderes Bundesland, um meinen Vater zu besuchen. Zwischenzeitlich befürchte ich, dass ich das alte Navigationssystem herauskramen muss, das alles, aber sicher nicht up-to-date ist. Warum auch? In der Regel nutze ich einfach mein Smartphone. Da habe ich eine Navigations-App, mit der ich bislang immer gut gefahren bin. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Weg stelle ich dann erstaunt fest: Ich brauche das Teil gar nicht! Ein echtes Erfolgserlebnis. Normalerweise fahre ich einfach immer mit Navi. Wie ein Zombie, um nicht denken zu müssen. Und dann wird mir klar, dass es auch ohne Handy geht. Zum ersten Mal in drei Tagen ein positiver Effekt.

…oder auch nicht

SMS schicken, kein Problem. Oder?
Wie war das noch mit SMS…?

Bei meinem Vater angekommen, ist eine der ersten Infos, die ich bekomme: „Ich war überrascht, als auf der Arbeit das Telefon klingelte und das Teil mir eine SMS vorgelesen hat!“ Dreimal dürft ihr raten. Richtig. Meine SMS. Die, bei der ich mich über die ausbleibende Antwort beschwert habe. Offensichtlich bin ich doch nicht ganz so fähig, wie ich dachte, und habe die Nachricht an die falsche Telefonnummer geschickt. Das wäre mir bei WhatsApp nicht passiert, denke ich mir. Egal, noch bin ich stolz wie Oskar, dass ich den Weg ganz ohne fremde Hilfe gefunden habe. Und das bis zur Haustür vom neuen Haus meines Vaters!

Entzugserscheinungen

Jetzt, am dritten Tag, setzen gegen Abend die ersten Entzugserscheinungen ein. Ich greife in Gedanken zum Handy, öffne Firefox… und erinnere mich bei „Fehler: Server nicht gefunden“ dann wieder an den Test. Kein Internet für mich. Firefox also wieder aus, weg mit dem Handy und doch lieber den Gesprächen meines Vaters und Patenonkels zuhören. Über Politik, Geschichte und Automotoren. Spannend! Und immer häufiger haue ich andere dazu an, Dinge für mich nachzuschauen. Irgendwie ist das Cheating, aber wenn ich die nächsten Tage überstehen will, unerlässlich.

Fazit des Tages: Sechs SMS, ein Telefonat und etliche verpasste Anrufe. (Ich bin genervt – ich telefoniere doch so ungern.)

 

4. Tag: Im Westen nichts Neues

Ablenkung, ahoi!

Am vierten Tag, dem Samstag, bin ich mit meiner Familie und Freundin auf einer Messe unterwegs. Wir sind den ganzen Tag auf Achse und ich vermisse mein Smartphone tatsächlich nicht übermäßig. Einzig, als wir uns trennen, um verschiedene Stände abzuklappern, muss ich wieder daran denken, dass wir übers Internet nicht kommunizieren können und im Zweifel SMS schreiben oder anrufen müssen. Schlussendlich ist der Unterschied allerdings nicht allzu groß und ich mache mir keine weiteren Gedanken. Auch am Abend, als wir gemeinsam im Restaurant sitzen, ist alles in Butter. Ich frage mich, ob es wieder bergauf geht und ich mich inzwischen dran gewöhnt habe.

Bluetooth, was ist das?

Einen Rückschlag gibt es an diesem Tag allerdings doch: Meine Mitbewohnerin hat am Smartphone ein Selfie von uns bearbeitet, das ich gerne als Handyhintergrund genommen hätte. Eigentlich. Blöderweise kommen wir beide nicht auf die Idee, es einfach via MMS oder Bluetooth zu verschicken. Stattdessen werde ich wieder daran erinnert, dass ich offiziell kein Internet habe und sie es mir nicht schicken kann. Na schön, dann eben nächste Woche! Auf der anderen Seite darf ich ständig Menschen um mich herum erklären, was ich da eigentlich mache und warum ich es mache. Es amüsiert mich, das Unverständnis in den Gesichtern der Leute zu sehen: Ohne Handy? Wo gibt’s denn sowas?

Fazit des Tages: Keine SMS, keine Telefonate. Dafür aber eine Menge verständnislose Menschen.

 

5. Tag: Umständliche Fotoübertragung

Tatsächlich ist das der erste Tag, an dem ich nicht das Bedürfnis habe, mein Handy in die Hand zu nehmen. Die Fahrt zurück in die Heimat verläuft reibungslos und wieder komme ich ohne Navi klar. Später sind wir noch auf einer Veranstaltung und treffen uns mit Freunden. Alle um mich herum sind mit Smartphones ausgestattet und ich benötige meines nicht, um Treffpunkte auszumachen. Ob ich es vermisse? Eigentlich nicht. Erst, als ich am Abend ein Bild meiner neuen Errungenschaft posten will, wird es wieder umständlich. Ich muss den PC hochfahren und es auf den Rechner ziehen. Ziemlich nervig und erst im Nachhinein wird mir klar: Eigentlich hätte ich wohl nicht einmal ein Foto machen sollen. Wobei mein Handy vor zehn Jahren bereits mit einer Kamera ausgestattet war. Also lasse ich das für mich gerade so durchgehen.

Fazit des Tages: Eine SMS, dass wir gut angekommen sind – keine Telefonate.

 

6. Tag: Pokémon GO? Nicht für mich

Das ewige Auf und Ab

Da denke ich, ich habe mich endlich an meine handylose Zeit gewöhnt und bin am Montag schon wieder nach dem Aufwachen grundgenervt. Im Halbschlaf schalte ich versehentlich in der Schnellwahl das WLAN statt der Klingeltöne ein und werde erst einmal mit über 40 WhatsApp-Nachrichten, mehreren Meldungen von Twitter und Tumblr und sicher noch drei oder vier anderen Pop-Ups zugeworfen. Huch. Also schalte ich das Internet einfach wieder aus und nehme mir vor, das alles am Mittwoch zu checken. So viel steht schon einmal fest: Nach Ende des Versuchs habe ich erst einmal einiges zu tun. Am Morgen habe ich dann wieder keine Musik – daran habe ich mich ja schon gewöhnt. Störend ist es trotzdem. Und Nachrichten lesen, um fit zu werden, ist natürlich auch wieder nicht drin.

Langweiliger Spaziergang

Am Abend entscheiden meine Mitbewohnerin und ich uns dafür, noch spontan durch unser Wohngebiet zu spazieren. Sie hat nebenbei Pokémon GO laufen und ist damit gut beschäftigt. Eigentlich habe ich das Spiel so gut wie nie genutzt, doch jetzt, wo ich nicht kann, wird es wieder ärgerlich. Aus Mitleid lässt sie mich mit ihrem Handy zwei Pokémon fangen, die uns auf dem Weg begegnen. Ein schwacher Trost dafür, dass ich immer noch einen Tag vor mir habe. Inzwischen habe ich genug von dem Test und bin einfach froh, wenn er vorbei ist.

Fazit des Tages: Ein Versuch, meine Mutter zu erreichen – keine SMS.

 

7. Tag: Endspurt!

Der letzte Tag ist angebrochen. Erst einmal erzählt meine Mutter mir, dass sie mir WhatsApp-Nachrichten gesendet hat. Hilfreich. Und wieder muss ich sie daran erinnern, dass ich die nicht lesen kann. Egal, den Tag werde ich wohl noch irgendwie rumbekommen. Ich arbeite ohnehin den ganzen Tag und habe am Abend noch die eine oder andere Sache für die Uni vor mir. Ich bin zu Genüge beschäftigt und habe wohl ohnehin auch am Abend den Laptop an. Eine weitere Woche ohne Handy wird es vorerst sicherlich nicht geben. Vielleicht irgendwann noch einmal, aber fürs Erste bin ich bedient. Und die Menschen um mich herum ebenso, weil sie mich nicht auf gewohnte Art und Weise erreichen.

Ohne Smartphone kann man verzweifeln.
Kapitulation?

Und am Ende des Tages entscheide ich mich zwei Stunden vor Mitternacht, endgültig aufzugeben. Ich habe herausgefunden, was ich wollte, und lasse es dabei bewenden.

Fazit des Tages: Keine Telefonate, keine SMS.

Resultat: Gemischte Gefühle

Das Erste, was ich in dieser Woche gelernt habe, ist, dass ich mein Smartphone sehr viel häufiger nutze, als ich bisher angenommen hatte. Man merkt offenbar erst, wie viel man wirklich mit dem Handy macht, wenn die Möglichkeiten wegfallen. Vermutlich werde ich damit jetzt bewusster umgehen. Zudem ist es erschreckend, wie verständnislos unser Umfeld auf solche Versuche reagiert. Die Gesellschaft ist derart in ihren Mustern festgefahren, dass wir insbesondere ohne mobiles Internet schnell aufgeschmissen sind. Im Freundeskreis, aber auch auf der Arbeit. Und wie bereits betont, werde ich den Test vorerst nicht wiederholen. Allerdings waren die letzten sieben Tage durchaus lehrreich und ich bin froh, die Erfahrung gemacht zu haben!

Endlich wieder das Smartphone smart benutzen
Ende gut, alles gut. ;)

 

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