#Zeitgeist: Menschliches Miteinander 2.0

Szene aus dem Trailer zu #Zeitgeist: Brandy sieht auf ihr iPhone
Szene aus einem Trailer zu #Zeitgeist von Paramount

#Zeitgeist ist ein Film, den ich mir am Wochenende angesehen habe. Was aber hat ein Film mit Handys zu tun? Was ist menschliches Miteinander 2.0? Und worum geht es im letzten Werk von Jason Reitman? Keine Filmkritik, nur ein paar Gedanken eines Digital Natives.

Von Männern, Frauen und Kindern: #Zeitgeist

Jason Reitmans Film #Zeitgeist (im Original: Men, Women & Children) ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans vom kontrovers diskutierten Autor Chad Kultgen. Hollywood-Größen wie Adam Sandler und Jennifer Garner, aber auch vielversprechender Nachwuchs wie Ansel Elgort zeigen, wie das Internet, Smartphones und soziale Netzwerke auf das Miteinander einwirken. Im Mittelpunkt stehen Familien und Teenager. So verlässt zum Beispiel der Football-Spieler Tim seine Mannschaft, weil er Football zunehmend sinnlos findet, und widmet sich ausschließlich dem MMORGP Guild Wars. Patricia kontrolliert sämtliche Facebook-Aktivitäten und Nachrichten ihrer Tochter Brandy. Donna will mit allen Mitteln die Schauspielkarriere ihrer Tochter Hannah vorantreiben – mit einer diskussionswürdigen Webseite. Hannahs Mitschülerin Allison nimmt mithilfe einer Online-Community immer weiter ab. Und Don und Helen haben ihre Ehe aus den Augen verloren und suchen online nach Erfüllung. Die individuellen Geschichten fügen sich nach und nach zusammen. Bei allen Handlungssträngen steht der digitale Austausch über soziale Netzwerke, Smartphones und das Internet im Allgemeinen im Vordergrund. Doch wo bleibt das Miteinander, wo die Achtung voreinander, der gegenseitige Respekt?

Vergangenheit: Voyager Golden Record

Gleich zu Beginn des Films geht es ins Jahr 1977: Zwei vergoldete Kupferscheiben starten an Bord der Raumsonden Voyager 1 und 2 in den Weltraum. Keine Fiktion, sondern Realität. Die Voyager Golden Records sollten Außerirdischen die Menschheit vorstellen. Hierfür haben die für die Scheiben verantwortlichen Forscher Bilder, Geräusche, Sprachen und Musik aufgenommen, darunter Tiergeräusche, allerlei Grüße und bedeutende klassische Werke von unter anderem Beethoven und Mozart. Beide Raumsonden erkunden weiterhin die äußeren Bereiche des Sonnensystems und befinden sich auf interstellaren Missionen. Kontakt zu Außerirdischen hat es bislang nun nicht gegeben (auch wenn die Men in Black jetzt widersprechen würden). Und selbst wenn: Welchen Gehalt hätten die Botschaften, Musik und Bilder der Golden Records dann noch?

Gegenwart: Smartphones und Entfremdung

Verfolge ich die Geschichten in #Zeitgeist, nimmt die Bedeutung der Voyager-Aufnahmen rapide ab. Smartphones, PCs und Chatnachrichten scheinen das 21. Jahrhundert zu dominieren. Schallplatten und Walgesang? Fehlanzeige. Stattdessen: Online-Games, sozialer Druck, Cyber-Mobbing, Sexualisierung, Instrumentalisierung. Während die Teenager im Film mit flinken Fingern über die Touchscreens wischen und mit Hochgeschwindigkeit erwachsen werden wollen, glauben die Eltern, dass online scheinbar alles leichter geht. Statt warmer Worte und Nähe gibt es routinierte Abgeklärtheit und die Flucht vor den Computer. Was ihre Sprösslinge derweil mit und über digitale Medien veranstalten, verstehen sie dennoch kaum. Entfremdung und Isolation nehmen in beiden Generationen ihren Lauf.

Menschliches Miteinander 2.0

Menschliches Miteinander 2.0, das bedeutet Chats über Chats, Statusmeldungen und Selfies. Teens und Twens verbringen viel Zeit in sozialen Netzwerken. Eher zurückhaltende, aber auch traumatisierte Charaktere ziehen sich in virtuelle Welten zurück und sperren die Realität aus. Letzteres ist kein so neues Phänomen, aber es trägt auch weiterhin zu einer gewissen sozialen Isolation bei – zumindest wenn es um direkte Kontakte zu Mitmenschen geht. Auch Facebook, WhatsApp und Co. können eine gewisse Entfremdung begünstigen. Dann nämlich, wenn zum Beispiel zwei Personen beim Essen oder bei einem Kaffee nur noch auf ihre Smartphones starren, anstatt ihre Aufmerksamkeit ihrem Gegenüber zu schenken. Anstatt sich draußen zu treffen, werden im Sekundentakt Nachrichten hin- und hergeschickt. Oder Bilder. Oder Videos von niedlichen Katzen. Emoticons ersetzen ganze Sätze, die Frage nach einem Date ist übers Handy viel einfacher. Im realen Leben könnte man sich ja blamieren.

Fiktion und Wirklichkeit

Natürlich sind einige Szenen in #Zeitgeist fast schon schmerzhaft dramatisch. Und wirken deshalb manchmal schrecklich überzogen. Aber sind sie es? Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit? Cyber-Mobbing ist ein reales Problem unserer Zeit. Shitstorms sind respektlos. Als ob die Menschen vergessen, dass auf der anderen Seite ebenfalls ein Mensch sitzt. Übertriebene Selbstdarstellung bei Tumblr, Instagram und anderen Diensten kennt jeder. Like gegen Like und ohne zig Filter gibt es keine Aufmerksamkeit. Aber dass Mütter die E-Mails ihrer Töchter lesen und löschen? Die Facebook-Freundesliste eigenmächtig bereinigen? Zumindest hier in Deutschland sind das kritische Vorgänge. Kurzschlussreaktionen hingegen gibt es wirklich. Und dass an Schulen und Universitäten, aber auch im Betrieb überall Handybildschirme aufleuchten, ist auch nicht frei erfunden. Ebenso nimmt die Intimität in digitaler Form zu und Liebesbekundungen flattern von Handy zu Handy, während eine Umarmung manchmal schwerfällt und selbst ein Lächeln eine unüberwindbare Hürde darstellen kann. Aber kennen wir einander noch? Sehen wir einander noch? Nicht umsonst lautet der deutsche Untertitel des Films: Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung.

Mal ehrlich: Es ist nicht alles schlecht

Natürlich ist nicht alles schlecht. Smartphones sind praktisch. Bei Unfällen können sie Leben retten. Und das Internet hat viele Dinge vereinfacht, zum Beispiel das Shopping, wenn ihr keine Lust habt, nach Feierabend noch in die Stadt zu fahren. Ihr könnt im Urlaub mit dem Handy Erinnerungen festhalten und sie zu Hause euren Freunden oder der Familie zeigen. Ihr könnt über Facebook und vergleichbare Plattformen alte Freunde wiederfinden und euch locker auf einen Kaffee verabreden. Gruppenchats erleichtern die Organisation von Events im Freundeskreis. Und manchmal sagt ein Smiley vielleicht doch mehr als tausend Worte. Und ich bezweifle, dass wir allesamt durch das Internet, durch Smartphones spontan unsere Menschlichkeit einbüßen. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass kein Netzwerk, kein Game, kein Chat echte, reale Nähe und Gespräche ersetzen kann. Das ist nur eine Botschaft, die #Zeitgeist zu vermitteln versucht.

Filmfakten

  • Titel: #Zeitgeist
  • Originaltitel: Men, Women & Children
  • Jahr: 2014
  • Studio: Paramount Pictures
  • Genre: Drama
  • Länge: 119 Minuten
  • Freigabe: ab 12 Jahren
  • Regie/Drehbuch: Jason Reitman
  • Mit: Ansel Elgort, Adam Sandler, Jennifer Garner, Judy Greer, Kaitlyn Dever
  • In Deutschland erhältlich seit: 30. April 2015
  • Trivia: Das iPhone ist im Film Kommunikationsmittel der Wahl.
  • Mehr: IMDb-Seite zum Film

Trailer zu #Zeitgeist

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